Über die Geschichte des ff*gz Stuttgart 

FF*GZ Stuttgart Notrufflyer  aus dem Jahr 2001

 

 

Im April 1971 führte erstmals eine Frau eine öffentliche Vagina-Selbstuntersuchung vor: Die Aktivistin Carol Downer1 sah sich mit einem Plastik-Spekulum, einem Spiegel und einer Taschenlampe im vollen Hörsaal einer Universität in Los Angeles ihre eigenen äußeren und inneren Geschlechtsteile an – ein Skandal! Ihr Impuls: Frauen bekommen gewöhnlich diesen Teil ihres Körpers selbst nie zu sehen, jedoch viele Männer – und einige wenige Frauen, soweit es sich um Studentinnen und Gynäkologinnen handelt. Carol Downer, später feministische Anwältin, wollte die Selbstbestimmung über ihren Körper erlangen, anstatt dies den Ärzten und der Schulmedizin zu überlassen. Sie gründete mit anderen Frauen das erste „Feminist Women’s Health Center“ mit dem sie durch die USA reiste um die Spekulum-Methode zu verbreiten, Frauengesundheit zu thematisieren und für ein Recht auf Abtreibung zu kämpfen.2

 

Gemeinsam mit Debbie Law kam sie 1973 auch nach Deutschland um dort die Selbstuntersuchung dem neugegründeten Frauengesundheitszentrum Berlin vorzustellen – welches die Methode weiter verbreitete. Diese Entwicklung löste in der Öffentlichkeit Misstrauen aus. So wandte sich eine damalige Politikerin in Form eines offenen Briefs an die Öffentlichkeit und warnte, dass aus dem Treiben dieser Frauen „große Gefahren für Leib und Seele entstehen können“.3

 

Das Wissen um den eignen Körper bedeutete die Rückeroberung des Körpers – die Moralvorstellungen von Generationen wurden grundlegend verändert – eine Revolution durch das Zeigen der Vulva! 

In ganz Deutschland bildeten sich Frauenzentren als Orte der eigenen, frauenidentifizierten, autonomen und basisdemokratischen Aufklärung und Beratung.

In den späten 1970er-Jahren entstand in Stuttgart um Uta Wagner, Gertraud Moll, Fri Votteler, Linda Hanselmann und andere engagierte Frauen eine Frauenbewegung – in einem Wohnzimmer in der Kernerstrasse 31.

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Es wurden – damals illegale – Schwangerschaftstests in der Küche durchgeführt, Schwangerschaftsberatung angeboten und (ebenso illegale) Abtreibungsfahrten nach Holland organisiert. Ein wichtiger Einfluss war die so genannte „218er-Gruppe“, welche Aktionen gegen Paragraph 218 durchführte, der Abtreibungen ahndete. 

Kurze Zeit später zog die lose Gruppe in die Laden-wohnung im Erdgeschoss des Hauses als „Frauenzentrum Stuttgart“ ein, die Räumlichkeiten, in denen das FF*GZ bis heute zu Hause ist. Es wurden viele Aktionen, wie die Rathausbesetzung, die Besetzung des Charlottenplatzes und die z.T. bis heute praktizierten „Walpurgisnacht-Demonstrationen“ durchgeführt, die unter dem Motto standen: Wir erobern uns die Nacht zurück und pro-testieren gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus!

 

Von 1976-86 bildeten sich aus dieser Bewegung viele Projekte, die bis heute bestehen: Das „SARAH Frauenkulturzentrum“, „Wildwasser e.V.“, „Frauen helfen Frauen“, „Prostitutionsberatung Lola“, „LAGAYA Verein zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen e.V.“ und im Jahr 1986 das „Feministische Frauengesundheitszentrum“ als Selbsthilfeprojekt. Beteiligte Frauen waren damals u.a. Silvia Koziolek, Michaela Schöller, Jutta Grau, Meta Nüssle-Detzel-Schwab und Brigitte Schmalzel. 

Das Selbstverständnis: „Der Selbsthilfeansatz bietet die wesentliche Arbeitsgrundlage für Beratungen, Kurse und Gruppenarbeit. Das FFGZ bietet Mädchen und Frauen aller Altersgruppen die Möglichkeit, bei Fragen oder Problemen der Gesundheit, Information und Beratung in Anspruch zu nehmen. Dies geschieht in Einzel- oder Gruppenarbeit. Außerdem unterhält das FFGZ ein Archiv zum Thema Frau und Gesundheit, das ratsuchenden Frauen und Mädchen während der Öffnungszeiten zugänglich ist.“4

 

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1 Michelle Murphy: Immodest Witnessing. The Epistemology of Vaginal Self-Examination in the U.S. Feminist Self-Help Movement. In: Feminist Studies., 30, 1, 2004, S. 115–147, hier S. 115–116.

2 https://www.womenshealthspecialists.org/about/the-womens-movement/carol-downer/

3 Lilo Berg: Von der Selbsterfahrungsgruppe zum Infocenter. In: Berliner Zeitung, 8. September 1999.

4 Siehe „Zeugnis“ an Brigitte Schmalz, FFGZ, Datum unbekannt

 

 

 

FF*GZ Stuttgart Programmheft aus dem Jahr 2001

 

 

Es wurden Aktivistinnen dafür ausgebildet, die Portio-kappe und das Diaphragma selbst anzupassen, ein damals neues, bzw. neu von den Frauen selbst erobertes Verhütungsmittel, welches in die Scheide eingeführt und auf den Gebärmutterhals gesetzt wird, sodass keine Spermien in die Gebärmutter eindringen können. Im FFGZ Stuttgart konnten diese Aktivistinnen anderen Frauen die Portiokappe oder das Diaphragma anpassen, sodass diese nicht mehr von den damals meist noch männlichen Gynäkologen abhängig waren. 

 

Im Jahr 1994 übernahm eine „zweite Generation“ das FFGZ: Fünf Heilpraktikerinnen und eine Ernährungs-wissenschaftlerin (Christin Wegener, Greta Schuler, Sonja Griesser Annegret Schmidt und Doris Braune) boten Beratung, Information und Aufklärung über sämtliche Frauenerkrankungen aus einer ganzheitlichen Sicht an. Dies bedeutete z.B. bei zwei der großen Themen dieser Jahre (Brustkrebs und ungewollte Kinderlosigkeit), dass vor allem ein kritischer Blick auf bestimmte verbreitete gynäkologische Praktiken wie die Hormonsubstituierung in den Wechseljahren geworfen wurde und im Falle der zunehmenden Unfruchtbarkeit ungenügend über die Risiken der Reproduktionsmedizin aufgeklärt wurde (und bis heute wird). 

 

Das FFGZ war drei Mal die Woche für zwei bis drei Stunden geöffnet und führte persönliche, schriftliche und telefonische Beratungen durch, bot Workshops und Ver-anstaltungen an, erstellte Broschüren, beteiligte sich an den aktuellen politischen Diskussionen, war in Arbeits-kreisen und auf Podien vertreten, mischte Stuttgart auf und trug so grundlegend zur Frauengesundheit bei. Im Laufe der Jahrzehnte engagierten sich weitere Frauen, u.a. Nicola Lang, Ulrike Rebstock, Renate Maja Pfrombeck und Karin Müller. Aus dem Frauengesundheitszentrum heraus wurden 2006, 2009 und 2012 drei große Rundreisen in Deutschland mit schamanischen Heilerinnen aus dem 

mexikanischen Projekt San Cristobal de las casas organisiert. Dabei fanden von Offenburg über Nürnberg bis Hamburg, Berlin und Wolfsburg große Veranstaltungen statt, in denen es darum ging, die spirituelle Weltsicht, aber auch Frauenheilkunde und Geburtshilfe indigener Gemeinden kennenzulernen und in einen Kontakt und Austausch zu treten. 

 

Nach den letzten vier Jahren des Stillstands, in denen

es Doris Braune gelang, das Beratungstelefon, eines

der ersten und wichtigsten Formate des FFGZ, zu halten, stand im Herbst 2016 die Zukunft des Zentrums in 

den Sternen. 

 

Durch die Initiative von Doris Braune hat sich Ende 2016 eine neue feministische Generation um das FFGZ ge-gründet: Die Gruppe junger Frauen zwischen 25 und 35, mit unterschiedlichen Backgrounds, hauptsächlich aus der sozialen Arbeit und dem Kulturbereich, sieht, wie viel an Aufklärung nicht stattgefunden hat oder nie ange-kommen ist, und möchte Aufmerksamkeit schaffen für die Frage: Was bedeutet (Frauen-)Gesundheit? 

 

Es gibt viel nachzuholen, das uns allen hilft ein natür-liches Verhältnis zu unseren Körpern zu entwickeln.

Dazu gehört das Wissen über zyklische Körperfunktionen, über Menstruation, über den Einfluss von Hormonen auf Lust, Stimmung, Gesundheit, über die Auswirkungen von Fehlinformation über den Körper auf das eigene Körper-bewusstsein. Nur wenn wir unseren eigenen Körper kennen, können wir uns damit in der Welt behaupten. 

 

LET’S START TODAY!

 

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Feministisches Frauengesundheitszentrum